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Zwischen Ritual und Forschung: Judith Neunhäuserers „Formation of a Quantum Henge“ an der TUM
Kunst, ZQE, Quantum Science & Technologies, Physik |
Welchen Platz hat eine Skulptur in einem Quantenforschungszentrum? Am TUM Center for Quantum Engineering (ZQE) in Garching gibt Judith Neunhäuserers Formation of a Quantum Henge eine Antwort: Kunst kann eine ergänzende Perspektive darauf eröffnen, wie Wissen strukturiert, erforscht und verstanden wird.
Das 2026 eröffnete ZQE vereint Forschung aus Physik, Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Informatik mit dem Ziel, grundlegende Quantenphänomene in Technologien der Zukunft zu überführen. Innerhalb dieses hochgradig technischen Forschungsumfelds bringt Neunhäuserers Werk eine andere, zugleich bemerkenswert kompatible Form der Erkenntnissuche ein. Anstatt konkrete wissenschaftliche Ergebnisse zu illustrieren, reflektiert die Skulptur die Prozesse und Rahmenbedingungen, die Forschung überhaupt erst ermöglichen.
Neunhäuserer, eine aus Südtirol stammende und in München lebende Bildhauerin, beschäftigt sich mit den Gemeinsamkeiten und Grenzbereichen von Wissenschaft, Kultur und Glaubenssystemen. Ihre Arbeiten untersuchen, wie Menschen Bedeutung durch Symbole, Erzählungen und strukturierte Praktiken schaffen. Besonders interessiert sie die Rolle von Intuition, Mythos und Ritual in der Geschichte des Entdeckens sowie die unterschiedlichen „Sprachen“, mit denen wir die Welt modellieren.
Diese Ideen nehmen in Formation of a Quantum Henge räumliche Gestalt an. Bereits der Titel verbindet zwei scheinbar weit voneinander entfernte Bereiche. „Quantum“ verweist auf eine subatomare Welt, die durch Unsichtbarkeit, Wahrscheinlichkeiten und Abstraktion geprägt ist – eine Welt, deren Phänomene nicht direkt beobachtet, sondern nur durch Modelle und Experimente erschlossen werden können. „Henge“ hingegen erinnert an prähistorische Steinkreise: monumentale Bauwerke, die an kosmischen Mustern ausgerichtet sind und durch kollektive Bedeutungszuschreibungen geprägt wurden. Indem Neunhäuserer diese Konzepte zusammenführt, schlägt sie eine Brücke zwischen alten Systemen der Orientierung und zeitgenössischer wissenschaftlicher Forschung.
Gleichzeitig eröffnet sie damit eine zeitliche Perspektive: „Heute betrachten wir prähistorische Monumente als große Leistungen von Zivilisation und Ingenieurskunst, während sich die heutige Wissenschaft mit den kleinsten Bausteinen überhaupt beschäftigt. Was werden die Menschen in 5000 Jahren über unsere Quanteningenieurwissenschaft denken?“
Für Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler mag diese Gegenüberstellung überraschend vertraut erscheinen. Ein Großteil der Quantenforschung basiert auf abstrakten Konzepten, die sich nicht direkt visualisieren lassen. Stattdessen arbeiten Forschende mit mathematischen Formalismen, experimentellen Aufbauten und symbolischen Repräsentationen, um jene Bereiche zu beschreiben und zu überprüfen, die jenseits alltäglicher Wahrnehmung liegen. Neunhäuserer formuliert dazu: „In diesem Sinne arbeiten sowohl Kunst als auch Physik mit konstruierten Systemen, die das Unsichtbare denkbar machen.“
Eine der bemerkenswertesten Parallelen liegt im Begriff des Rituals. Neunhäuserer verweist auf die „Ritualisierung von Forschungsprozessen“ – ein Gedanke, der eng mit der Laborpraxis verbunden ist. Experimente beruhen auf klar definierten Abläufen, wiederholten Messungen und sorgfältig kalibrierten Umgebungen. Diese strukturierten Handlungen gewährleisten Verlässlichkeit, zeigen aber zugleich, dass wissenschaftliches Wissen durch spezifische Praktiken geformt wird. Die Skulptur lenkt den Blick auf diese Dimension, ohne die Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse infrage zu stellen. Vielmehr lädt sie dazu ein, über die Entstehung und Stabilisierung wissenschaftlichen Wissens nachzudenken.
Das Werk ist zudem eng mit seinem Entstehungsort verbunden. Als ortsspezifische Installation am ZQE spiegelt es den interdisziplinären Auftrag des Zentrums wider, grundlegende Entdeckungen in praktische Anwendungen zu übersetzen. Gleichzeitig setzt es einen Kontrapunkt zur Geschwindigkeit und Präzision technologischer Forschung. Es stellt übergreifende Fragen: Was gilt als Evidenz? Wie beeinflussen Metaphern wissenschaftliches Denken? Und wie prägen Forschungsräume unser Verständnis der Welt?
Neunhäuserers Ansatz ist von ihrer eigenen forschungsbasierten künstlerischen Praxis geprägt, die sie in wissenschaftliche Umgebungen von Polarstationen bis hin zu unterirdischen Laboren geführt hat. In diesen Kontexten untersucht sie Wissenschaft nicht nur als Quelle von Wissen, sondern auch als menschliches Unterfangen, das in Kultur, Vorstellungskraft und kollektiven Überzeugungen eingebettet ist.
An der TUM regt Formation of a Quantum Henge bereits den Dialog an, unter anderem durch eine Frage-und-Antwort-Veranstaltung im Oktober 2025 sowie ein Künstlergespräch im Rahmen der offiziellen Einweihung am 21. Juni 2026. Beim diesjährigen Sommerwendefest diskutierte Neunhäuserer gemeinsam mit Mitgliedern der TUM-Gemeinschaft und geladenen Gästen die Entwicklung des Werks. Begleitet wurde die Veranstaltung von eigens für das Monument entwickelten Performances weiterer Künstlerinnen und Künstler.
Die Skulptur hat nicht das Ziel, Quanteningenieurwissenschaft zu erklären. Stattdessen bietet sie eine andere Art von Erkenntnis – eine Perspektive, die wissenschaftliche Sichtweisen ergänzt, indem sie fragt, wie wir dem Gestalt geben, was wir nicht unmittelbar sehen können.
In diesem Sinne spricht das Werk gleichermaßen Künstlerinnen, Künstler und Forschende an. Beide entwickeln auf ihre Weise Modelle der Realität. Und beide widmen sich derselben grundlegenden Aufgabe: Formen für das Unbekannte zu finden.
Weitere Informationen und Links
- Künstlerische Website von Judith Neunhäuserer: Quantum Henge
- TUM Zentrum für Quantum Engineering (ZQE): ZQE-Webseite
- Sommerwendefeier „Quantum Henge“: Veranstaltungsseite; Einladung
- Künstlergespräch mit Judith Neunhäuserer am 6. Oktober 2025: Veranstaltungsseite
- We are TUM – Podcastfolge vom 10. Dezember 2025 mit Judith Neunhäuserer (auf Deutsch): Podcast
Formation of a Quantum Henge basiert auf dem ursprünglichen STM-Bild aus der Arbeit der IBM-Wissenschaftler M. F. Crommie, C. P. Lutz und D. M. Eigler von 1993: Confinement of Electrons to Quantum Corrals on a Metal Surface, Science, DOI: 10.1126/science.262.5131.218
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